Zitat der Woche

 Posted by on 19. März 2009  Kommentare hinzufügen
Mrz 192009
 

Nachdem ich beim letzten Zitat angekündigt hatte, künftig darauf verzichten zu wollen, das „Zitat der Woche“ in einen aktuellen Kontext zu stellen, weiche ich schon jetzt wieder davon ab.

Im Moment kann sich die Medien- und Nachrichtenwelt nicht beschweren, es fehle ihnen an Dingen, über die berichtet werden könnte. Fast täglich erreichen uns neue Botschaften im Kontext der Weltwirtschaftskrise, es gibt eingestürzte Gebäude in Köln, Amokläufe in Amerika und Deutschland und den Fritzl-Prozess in Östereich. Und immer beschäftigt uns und damit unsere Medien auch das „Warum?“.

Ich möchte mit dem aktuellen Zitat der Woche an eine Rede des Bundespräsidenten a.D. Johannes Rau vom 03. Mai 2002 anlässlich einer Trauerfeier für die Opfer des Erfurter Amokläufers erinnern.

Manchmal muss man sich damit Abfinden, dass es keine einfache Erklärung gibt. Keine leicht fassbare und schon gar keine isolierte Ursache. Manchmal reicht es einfach nicht aus, „Killerspiele“ als Ursache zu feiern, auch wenn es uns das Leben mit solchen Taten vielleicht erleichtern würde.

(Hervorhebungen von mir)

Liebe Lehrerinnen und Lehrer, Liebe Schülerinnen und Schüler, Liebe Erfurterinnen und Erfurter,

in dieser Stunde gedenken wir der Opfer des schrecklichen Verbrechens vom vergangenen Freitag. Ein ganze Woche ist vergangen, aber das Entsetzen hat uns nicht verlassen. […]

Schüler haben ihre Lehrer und Mitschüler für immer verloren. Lehrer trauern um ihre Kollegen, eine Schule um ihre Mitarbeiterin, Eltern fassen nicht den Tod ihrer Kinder, Polizeibeamte beklagen den Tod eines Kollegen.

In Familien, in Freundschaften, in Nachbarschaften, in ganz Erfurt hat der Tod eine furchtbare Spur gezogen und tiefen Schmerz gebracht.

Sie sind ihrer Trauer nicht allein. Die Nachricht hat in ganz Deutschland und vielen Teilen der Welt Entsetzen, Trauer und Mitgefühl ausgelöst. Wir sind ratlos. Wir hatten nicht für möglich gehalten, dass so etwas bei uns geschieht.

Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar nahe liegenden Erklärungen. Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie – letzten Endes – auch nie verstehen können.

Gewiss, wir möchten verstehen, was den Täter angetrieben, was ihn verführt, was ihn jeden menschlichen Maßstab hat verlieren lassen. Wir suchen nach Ursachen und nach Verantwortung. Wir möchten schnell wissen, welche Konsequenzen gezogen werden müssen, damit so etwas nicht wieder geschieht.

All das verstehe ich gut! An erster Stelle aber stehen heute die Trauer um die Opfer und das Mitgefühl für alle, die so plötzlich einen nahen Menschen verloren haben.

[…]

Wir brauchen zweierlei: Wir müssen einander achten und wir müssen aufeinander achten.

Wir müssen einander achten: Niemand darf abgedrängt werden, niemand darf an einen Punkt kommen, dass er glaubt, sein Leben sei nichts wert, weil er in einem bestimmten Bereich nur wenig leisten kann, weil er ’nichts bringt‘, wie man so sagt. Kein Mensch kann leben ohne Zuwendung, ohne Geborgenheit, ohne Liebe. Jeder ist wertvoll durch das, was er ist, und nicht durch das, was er kann.

Wir müssen aber auch aufeinander achten: Es darf uns nicht gleichgültig sein, wenn unsere Freunde, unsere Schulkameraden, unsere Kinder, unsere Kollegen nicht mehr mitkommen, wenn sie Wege gehen, die ins Abseits führen, wenn sie aus der Wirklichkeit in die Scheinwelten von Drogen oder elektronischen Spielen flüchten.

Aufeinander achten, das heißt, einander mitnehmen, für einander da sein.

Alle Menschen sind beeinflussbar – und junge Menschen ganz besonders. Zum Guten wie zum Bösen. Wir sind verführbar. Unser Handeln hat manchmal Ursachen, die wir selber nicht kennen.

Es gibt im menschlichen Handeln aber keinen Automatismus von Ursache und Wirkung. Es gibt eine letzte Verantwortlichkeit des Einzelnen für das, was er tut.

Es stimmt: Welche Ziele und Vorbilder wir angeboten bekommen – davon hängt vieles ab. Es stimmt aber auch: Welche Ideale wir selber wählen und mit Anderen teilen – auch davon hängt vieles ab.

[…]

Haben wir uns nicht zu sehr daran gewöhnt, dass Gewalt, Hass und Hemmungslosigkeit nicht nur im Film und in manchen Computerspielen selbstverständlich sind, sondern dass sie auch manche Talkshow und manche unserer Gespräche bestimmen?

Doch bevor wir allein den Medien die Schuld geben: Tragen wir nicht selber dazu bei, dass mit der Darstellung von Hass und Gewalt, dass mit menschlichem Leid hohe Einschaltquoten erzielt werden?

Warum geht es in vielen Spielen immer darum, möglichst viele Gegner und Feinde zu töten und nicht darum, möglichst viele vor einer Gefahr zu schützen oder aus einer gefährlichen Situation herauszuholen? Warum sind die Helden in vielen Filmen eiskalt, unbeirrbar und ohne Mitleid?

Die Selbstkontrolle der Medien ist wichtig. Unsere eigene Selbstkontrolle ist aber noch wichtiger. Wir müssen uns gegen eine Verrohung unserer Gesellschaft wehren – und diesen Kampf muss jeder bei sich selber beginnen.

[…]

 

Keiner glaube, wir könnten den Kampf gegen Gewalt, Aggression und Hass allein an die Schulen delegieren. Da sind wir alle gefordert.

Wir dürfen unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie Konflikte lösen, dass sie Enttäuschungen überwinden können und dass Anstrengungen sich lohnen.

[…]

Quelle/Vollständige Rede: http://www.bundespraesident.de/dokumente/-,2.78601/Rede/dokument.htm

  Eine Antwort bis “Zitat der Woche”

  1. Dem kann man nichts hinzufügen. DAS spricht mir aus der Seele.
    Aber leider ist unser „Menschenfänger“ nicht mehr da. Und mit ihm und dem jetzt kommenden Ende der Legislaturperiode, so scheint es, ist auch die Vernunft gegangen.

    Ich warte auf den Tag, an dem ich als Erwachsener von anderen vorgeschrieben bekomme, dass ich ein Spiel nicht mehr spielen darf, weil ich ja dadurch potenziell gefährlich für unsere Gesellschaft werde, dann sind die Filme dran (Hostel, Saw …), dann die Nachrichten, das Internet…

    Hoffentlich gibt es doch noch vernünftige Menschen, die sich nicht im emotionsbeladenen Aktionismus flüchten, nur um 1-2% mehr bei der Wahl zu erhalten – denen wünsche ich ein Rückgrat.

    @stfeder: Danke, dass Du dieses Zitat gewählt hast und nicht den Opferbrief oder die Rede unseres derzeitigen Bundespräsidenten.

    vG

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